Hahnemann und das Gute

Zu den grössten Homöopathen nach Hahnemann gehören Clemens von Bönninghausen und Constantin Hering. Für sein Repertorium und seine Arzneimittel-Abhandlungen zählte Bönninghausen die Symptome in den Protokollen der Arzneimittelprüfungen, er hielt sich an "das Phänomen an sich". Hering interpretierte die Symptome auf der Basis des Gesamteindruckes, welche die Prüfungssymptome hinterliessen, doch auch er ging vom Phänomen an sich aus. Das bewegte einen bekannten Homöopathen zur Aussage, dass die Homöopathie allein auf der Phänomenologie beruhe und keine weitere philosophische Deutung erlaube. Stimmt dies?

Die Entstehungsgeschichte der Homöopathie zeigt, wie trotz oder gerade wegen leidvoller Einflüsse etwas Wertvolles entstehen kann. Nicht allen gelingt es eine solche Retrospektive rational einzuordnen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, was jedoch genau des Pudels Kern trifft und Anlass sein kann über das Destruktive im Kontext des Bösen zu reflektieren. Dabei sei an die geniale Poesie in Goethe’s Faust von Mephistopheles erinnert: Ich bin „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; drum besser wär's, dass nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr (die Menschen selbst) Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element…“.

Was ist das Wesen des „Bösen“, was des Guten?  Dass auf dieser Welt viel Ungerechtes und auch in jüngster Zeit unvorstellbar Grausames geschieht, hat wohl schon Milliarden von Menschen veranlasst sich zu fragen, ob es denn einen Gott des Guten gibt. Das Böse ist täglich evident, schamlos laut oder blendend, manchmal leise schleichend. Man kann es verschweigen oder es benennen – sofern man es erkennt. Benennt man es, gilt man allenfalls selber als destruktiv. Verschweigt man es, gilt man u.U. als feige oder man verstrickt sich selbst in Schuldgefühle. Laut oder leise, benennen oder verschweigen? Dieser Zwiespalt der Frage und deren Folgen entschlüsseln die Doppelnatur (!) des Bösen und dessen Macht. Auch versteckt sich dieses hinter einem Mantel der Alltagslogik: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Hier hat sich wohl Satan, wenn es ihn denn gäbe (das absolut Böse ist philosophisch ein Widerspruch in sich), als Autor ins Alte Testament eingetragen, denn diese Aussage ist in der vorliegenden Thematik ein unerhört dummer, eben banaler (!) Kurzschluss als zweites Merkmal des Bösen.

Wir stehen vor dem Phänomen, dass in Bälde Roboter unsere täglichen Tätigkeiten verrichten, nicht nur materiell und geistig, sondern irgendwann auch teilweise emotional. Dann stellt sich die Frage, ob ein Roboter auch böse sein kann. Er wird wohl in Abhängigkeit vom Programmierer böse handeln können, aber ist er deshalb böse? Oder ist er dann ein Werkzeug des Bösen? Eines sollte klar sein: Ein Roboter wird immer programmgemäss „eigennützig“ und ohne Bezug zur menschlichen Kulturerfahrung handeln, der Mensch allein ist fähig uneigennützig etwas Gutes zu tun, das ist die wichtigste Maxime, darin liegt die Grösse des aufgeklärten freien Menschen.

Liegt nun der Homöopathie eine Philosophie zu Grunde? Zunächst ist erstaunlich, wie Hahnemann um die Missstände der Allopathie perseverierte, und wie er sich dadurch Feinde machte und deshalb erneut sich verteidigen musste. Auch attackierte er recht grob seine homöopathischen Berufskollegen, was auch die Zerstrittenheit der damaligen Homöopathen erklärte, die sich bis in die neuere Zeit fortgesetzt hatte. Gemäss Organon 6 (1), Ausgabe Haehl, blieb Hahnemann (angeblich) meist sachlich: „Die Ärzte sind meine Menschenbrüder; gegen ihre Person habe ich nichts…“. In Anbetracht der Doppelnatur des Bösen und der Tatsache, dass das Böse v.a. in der kollektiven Masse der Individuen die grösste Macht entfaltet, stellt sich die Frage, ob es der Homöopathie mehr gedient hätte, wenn Hahnemann zu den Missbräuchen geschwiegen und dadurch die allgemeine Polemik vermieden hätte. Fakt ist, dass er uneigennützig versuchte Gutes zu tun.

Dann stellte Hahnemann eine andere Frage: „Musste vielleicht nach der Fügung Gottes jenes System (der damaligen Allopathie)… vorausgehen, um der Welt die Augen zu öffnen für… die Homöopathie…?“ (§60). „Es war hohe Zeit, dass er (Gott) die Homöopathie finden liess“ (S.50). Damit wollte er wohl aussagen, dass die Homöopathie, bzw. das Gute im Sein enthalten ist und der Mensch angeleitet wird dieses zu entdecken. Diese Aussage Hahnemann's reflektiert die typische scholastische, aber auch neuzeitliche Philosophie.

Zu den Arzneien schrieb er, dass sie „nur durch ihre Kraft umzustimmen ihr Heilvermögen in Ausübung bringen können…“ (§21), oder dass „die Arzneikräfte… die überwiegende Macht besitzen, das menschliche Befinden umzustimmen“ (§33). Der Begriff „umstimmen“ geht durch zahlreiche Paragraphen. Bezogen auf das Heilmittel, das in seiner Arzneimittelprüfung das Befinden eines gesunden Menschen "krankhaft" umzustimmen vermag und das umgekehrt den kranken Menschen zur Gesundung umstimmt, können wir von einer Transformation sprechen. Doch diese Transformation ist nur möglich durch die Zutat des menschlichen Geistes, der „aus sich selbst (aus seinem reflektierenden Bewusstsein) die namenlosen Vorzüge entwickelt, welche den Erdensohn über alles, was da lebt, emporheben…“(2).

Transformation von von der krankmachenden zur gesundmachenden Droge, die Entfaltung der Wahrheit aus den Irrungen, die Entfaltung des Guten aus den Abgründen menschlichen Handelns: Das ist das philosophische Konzept der Homöopathie, übertragbar auf unser eigenes Leben. Es ist wie Bönninghausens „roter Faden in den Tauen der englischen Marine“(3), ein „übergeordneter mathematischer Apparat“(4) oder eine metaphysische Spur, die sich hindurch zieht, nur sehr langsam erfolgreich, welche die Wende zum Guten bringt. Wenn es das Böse an sich geben sollte, dann bestünde dessen letzter Zweck und letztes Merkmal darin, den Glauben an das Gute zu zerstören. Nach Goethe ist es der Mensch selbst, der das Böse definiert: Es resultiert aus dem Spannungsfeld zwischen dem Nichts und dem Sein, in seinem Wesen ist es die Hinwendung zum Nichts, das Gute jedoch die Hinwendung zum Ganzen, zum Leben, und Gott wäre der Gott des Lebens.

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(1) Hahnemann Samuel, , Organon der Heilkunst, 6. Auflage, Haig Verlag Heidelberg, ISBN 3-7760-0968-3
(2) Hahnemann Samuel, Heilkunde der Erfahrung, 2010 Edition Krannich, ISBN 3-933124-38-7
(3) Bönninghausen: Vorwort in „Die Körperseiten und Verwandtschaften“ 1853
(4) Eilenberger Gert / Gerok Wolfgang: Mannheimer Forum 89/90, Serie Piper