„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“

 


Ausser der Homöopathie schöpft keine medizinische Wissenschaft ihr therapeutisches Vorgehen aus dem Gesamtkomplex eines kranken Menschen und ist befähigt diesen Komplex mit einer einzigen Arznei zu lindern oder zu heilen. Doch wie soll das Ziel Hahnemanns erreicht werden, damit die Homöopathie „den mathematischen Wissenschaften an Zuverlässigkeit nahe komme“(1)? Und was bedeutet das oben einleitende Zitat von Aristoteles mathematisch und homöopathisch?


Bei den Arzneimittelprüfungen am Gesunden manifestierte sich dasselbe Prüfungssymptom von selten bis häufig und sehr oft gegensätzlich (z.B. <Kälte und gleichzeitig >Kälte) in Folge verschiedener Symptom-Kombinationen. Die anfängliche Einteilung der Prüfungssymptome in „Rangordnungen“ (Grade), wie sie von Clemens von Bönninghausen(2) als ersten vorgenommen wurde, beruhte allein auf der Häufigkeit einer Manifestation eines Symptoms.


Die später folgende Gewichtung der Symptome durch die Vergleichung desselben Symptoms bei verschiedenen Arzneien war das grosse Verdienst von Constantin Hering (z.B. „Kurzgefasste Arzneimittellehre“(3) und seine Leitsymptome) und von Rudolf Hermann Gross („Vergleichende Materia Medica“)(4), so dass ein Symptom nebst seinem Grad eine zusätzliche Bedeutung erhielt. Jedoch muss ein bedeutsames Symptom nicht unbedingt ein hoch-gradiges (häufiges) Symptom sein. Für die Arznei und für den Patienten gilt nach dem Prinzip des Simile, „dass die seltenen (!), … sonderheitlichen Symptome (@ §153 Organon)... vor den gewöhnlichen eine grössere Bedeutung verdienen, weil von ihnen hauptsächlich… die Ähnlichkeit abhängt“(5).


Bönninghausen hatte diese Komplexität erkannt, weshalb er statt auf die Häufigkeit (Grade) mehr Wert auf den Genius einer Arznei legte: „Dieser Mangel... muss... aus der Gesamtheit der Symptome jeder Arznei und aus dem dadurch erkennbaren Genius (Selbstähnlichkeit) ergänzt werden“(6). „Der wahre Genius einer jeden Arznei, wie er aus dessen speziellen Erstwirkungen erkannt werden muss, bleibt sich ziemlich gleich bei allen oder doch den meisten Krankheiten, selbst dann, wenn die Symptome nichts davon ausdrücklich besagen oder nur undeutlich darauf hinweisen."(7)


Schliesslich schrieb Bönninghausen in seinem letzten Lebensjahr in seiner letzten Arbeit (1864)(8): „Erst die fortgesetzte Praxis und bei der stets zunehmenden Menge ähnlicher Zeichen von den verschiedenen Arzneimitteln stellte sich immer mehr das Bedürfnis heraus, diese Unterschiede (= „Gegenanzeigen“, „Antithesen“, die bipolaren Symptome) stets fest im Auge zu behalten…“. Es war Rudolf Germann Gross, der – wie oben erwähnt - diese Unterschiede weiter bearbeitete (Vergleichende Materia Medica): „Dass ich in Bönninghausens Fussstapfen getreten bin, werden mir wohl Sachkenner kaum zum Vorwurf machen…“(9). Doch wie sind solche Unterschiede von Symptomengraden und Bedeutungen fassbar, und wie lassen sich jene in eine Software oder ein mathematisches System integrieren? Obwohl die Arzneimittelprüfungen dafür nicht vorbereitet waren, war der Kern für eine mathematische Darstellung bereits vorhanden!


1866 hatte Constantin Hering geschrieben, dass „alle unsere Prüfungen, ja selbst unsere Heilungen samt und sonders nur Wahrscheinlichkeiten liefern“(10); bei Hahnemann selbst und seinen Nachfolgern war „immer nur von Möglichkeit, von geringerer oder grösserer Wahrscheinlichkeit die Rede“(11). Das heisst, dass die Menge der Symptomengrade oder auch die Symptomenanzahl mathematisch als Wahrscheinlichkeit zwischen Null und Eins, d.h. zwischen 0% und 100% erscheinen muss und dass die „Antithesen“ von Bönninghausen und Gross als bipolare Symptome (was nicht identisch ist mit dem Begriff „Polarität“, aber ähnlich) darin ebenfalls als Wahrscheinlichkeit integriert werden müssen. Da sich eine Wahrscheinlichkeit mathematisch als Faktor schreiben lässt, soll jene der bipolaren Symptome (beide Pole zusammen sind hier ein Symptom an sich) sinngemäss ebenfalls als Faktor integriert und daraus folgend multipliziert werden (siehe „Polaritätsberechnung"). Dies allein bildet mathematisch die Komplexität ab, deren erkennbares Muster nach Abgleichung mit der Arzneimittellehre zur Auswahl von konkordanten Arzneien und zum Genius des Krankheitsfalles führt.


„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ (Aristoteles)… und das Simillimum ist mehr als die Summe seiner Grade. Der Anspruch, bei einer Krankheit das entsprechende Simillimum und damit die Ganzheit des Falles zu ermessen, lässt sich mathematisch nur durch eine Multiplikation der wesentlichen Eigenschaften erfüllen. Das ist das Wesen von amokoor(12), welches in seiner Art bis jetzt beispiellos ist.


Amokoor beruht auf Bönninghausens Therapeutischem Taschenbuch, Ausgabe Fries (1897), wobei alle oben genannten Werke in die Version 17 vollständig eingearbeitet sind. Durch die Integration des Werkes von Gross und das Umbrechen der Symptome in Wahrscheinlichkeitsfaktoren erhalten die „Unterschiede“ und damit die bipolaren Symptome eine neue Qualität.

 Autor: Urs Steiner, Dr. med.

Staldenstrasse 10

CH-6405 Immensee

(1) Hahnemann Samuel, Organon der Heilkunst, 6. Auflage, 1987 Karl. F. Haug Verlag Heidelberg, ISBN 3-7760-0968-3 (§145)
(2) Bönninghausen Clemens von, Therapeutisches Taschenbuch, Münster 1846, ISBN 3-926836-06-7
(3) Hering Constantin, Kurzgefasste Arzneimittellehre, 1979 Ulrich Burgdorf 1979, ISBN 3-922 345-03-4
(4) Gross R./Hering C., Vergleichende Materia Medica, 1985 O-Verlag Berg (Starnberg, ISBN 3-88950-030-7
(5) Gypser Klaus-Henning: Bönninghausens Kleine medizinische Schriften, 1984 Arkana Heidelberg, ISBN 3-920042-13-1 (Seite 627)
(6) c.f. oben Fussnote Nr.5: S. 332
(7) Bönninghausen Clemens von, Der homöopathische Hausarzt, 1995 Dynamis Verlag, ISBN 3-9802961-4-8 (Vorrede S. 27)
(8) c.f. oben Fussnote Nr.5: S. 802
(9) c.f. oben Fussnote Nr.4: Einleitung S. 10
(10) Gypser Klaus-Henning: Herings Medizinische Schriften Band III, 1988 Ulrich Burgdorf, Göttingen, ISBN 3-922345-25-5, S. 1523
(11) c.f. oben Fussnote Nr. 10: S. 1558
(12) Amokoor Version 17.1, www.amokoor.ch